Schlagwort-Archiv: Konstruktivismus

Von Emotionen, Apokalypsen und der Freiheit des Zweifels

Überlegungen zur emotionalen Konstruktion unserer Wirklichkeit und zum Umgang mit schlechten Nachrichten

Es wird immer schlimmer. Der Klimawandel scheint unaufhaltbar, die Welt versinkt im Plastikmüll, und als ob das noch nicht genug wäre, werden wir vom internationalen Terrorismus, Donald Trump und immer wieder auch von einem verrückten Diktator in Nordkorea bedroht. Wenn man die Nachrichten liest, so scheint es, wird es unsere Welt nicht mehr lange geben, und falls doch, dann werden wir wohl der Überbevölkerung zum Opfer fallen. Flüchtlingswellen, Wirtschaftskrisen, Umweltkatastrophen, Kriege, Terrorismus – eine Katastrophe jagt die nächste, wie soll man da noch optimistisch bleiben und sein Leben leben?

In Psychotherapien habe ich es öfters zu Beginn mit Menschen zu tun, die angesichts von verschiedensten Lebensereignissen oder Lebenssituationen und -umständen irgendwie die Fähigkeit verloren zu haben scheinen, einen positiveren Blick auf ihre Welt, auf ihr Leben zu gewinnen. Die Welt erscheint ihnen grau, hoffnungslos, hässlich. Oft ist es dann aber die schöne Erfahrung in der Therapie, dass es jenen Menschen wieder gelingt, andere Sichtweisen zu entwickeln, ihre Lebensumstände zu ändern und insgesamt ihre Welt und sich selbst wieder in einem völlig anderen, positiverem Licht wahrzunehmen, auch wenn die Welt zu Beginn wie verloren aussah. Ich schätze mich glücklich, dass ich als Therapeut an vielen solcher Prozesse teilhaben darf und frage mich, wie und warum ist es möglich, in jene grauen Welten wieder Farben zu bringen? Es gelingt vielen meiner KlientInnen, in diese Welten, in denen es so viel Leid, Frustration und schlechte Erinnerungen gibt wieder andere Farbtöne zu bringen, es gelingt, wieder freudvolle Erfahrungen zu machen und oft auch, selbst die Vergangenheit anders zu erinnern – und das ohne sich vor der eigenen leidvollen Geschichte zu verschließen.

Ich möchte in meinem heutigen Blog versuchen zu zeigen, dass und wie unsere Welt, unser Selbst, unsere Vergangenheit von unseren Stimmungen abhängig ist. Dazu werde ich einen Philosophen und einen Psychiater zitieren und schließlich auf die Freiheit eingehen, die ein solches Denken zu erlaubt. Eine Freiheit zu zweifeln an dem Gesamtbild, das uns täglich medial präsentiert wird.

Martin Heidegger und die ‘Gestimmtheit des Daseins’

Der Philosoph Martin Heidegger sprach schon 1927 davon, dass die Grundbefindlichkeit oder Grundstimmung des Daseins, die Angst sei (vgl. Heidegger 2006, S. 184). Was meinte er damit?

Heidegger spricht bewusst nicht von Menschen oder Subjekten, sondern von Dasein. Mit diesem Begriff weist er darauf hin, dass es nicht hier Menschen und dort die Welt als ‘vorhandene’ Dinge gibt, sondern dass vielmehr die Welt, das Dasein als ‘in-der-Welt-sein’ sich eröffnet.

Das erste ist also nicht ein Subjekt, dass sich auf die vorhandene Welt bezieht, auch nicht eine vorhandene Welt, die ein Subjekt bloß wahrnimmt, sondern dem vorgelagert ist das ‘in-der-Welt-sein’ aus dem sich dann erst in einem nächsten Schritt die beiden Pole Subjekt und Objekt herausarbeiten. Subjekt und Objekt liegen also begründet im ‘in-der-Welt-sein’.

Was wir als unser Ich verstehen und auch was wir als die ‘objektive’ Welt verstehen ist nach Heidegger bereits eine spezielle Form des ‘in-der-Welt-seins’. (Menschliches) Dasein ist so begründet im ‘in-der-Welt-Sein’.

Dieses Dasein ist nun auch nicht einfach nur vorhanden, wie ein Berg oder ein Fluss, sondern es ist als ‘In-der-Welt-sein’ immer schon gestimmtes. Das heißt, die Welt ist gestimmt noch bevor sie überhaupt als objektive Welt vorkommt. Die objektive, rationale Welt ist eine Ableitung des gestimmten ‘In-der-Welt-seins’. Was uns also als Welt erscheint, die so ist wie sie ist, ist deshalb gerade so, weil wir urspünglich irgendwie gestimmt sind.

Nach Heidegger ist diese Grundgestimmtheit die Angst. Ob dies wiederum seinen Grund in der Person Martin Heidegger hatte oder in der Zeit in der er lebte, oder ob dies eine Allgemein-Menschliche Tatsache ist, kann hier nicht beantwortet werden. Entscheidend bleibt aber: Die Welt ist so wie sie ist, weil wir (als ‘in-der-Welt-sein’) irgendwie gestimmt sind.

Diesen Sachverhalt haben auch viele andere Philosophen gesehen. Auch Ludwig Wittgenstein etwa formuliert: ‘Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen’. (Wittgenstein 1984, S. 83) Mit Heidegger müssten wir hinzufügen: Auch der Glückliche ist natürlich ein Anderer als der Unglückliche. Wir können dies auch täglich selbst beobachten (wenn wir etwa wütend sind, nehmen wir unsere Umwelt verändert war). Es fällt uns leicht anzuerkennen, dass wir die Welt anders wahrnehmen wenn wir gerade einer starken Stimmung ausgesetzt sind.
Was etwas schwieriger anzuerkennen ist, ist, dass wir stets irgendwie gestimmt sind, dass es so etwas wie eine Grundstimmung gibt, die unserer ganzes Weltbild überformt.

Es fällt uns ab einem gewissen Grad schwer uns vorzustellen, dass unsere Welt nicht einfach vorhanden ist so wie sie ist, sondern, dass das etwas mit unserer (Grund-)Befindlichkeit zu tun haben soll.

Luc Ciompi und seine Affektlogik

Der schweizer Psychiater Luc Ciompi hat die Einflüsse unserer Gefühle auf unser Denken auf psychologischer und auch neurobiologischer Ebene beforscht. Er kommt dabei zu einem ähnlichen Ergebnis, wie die genannten Philosophen, nämlich, dass es ein gefühlsfreies Denken gar nicht geben kann, sondern vielmehr unser Denken (und damit unser Bild von der Welt) stets durch unsere Gefühlswelt beeinflusst ist. Auch ein scheinbar abstrakt rationales Denken ist so beeinflusst von einer ganz bestimmten Stimmung in der wir uns befinden.

Er beschreibt dabei verschiedene sogenannte ‘Operatorwirkungen’ der Gefühle (Affekte) auf unser Denken (vgl. Ciompi 2006):

  • Die Affekte sind Energielieferanten für die Gedanken
  • Affekte bestimmen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken
  • Affekte wirken wie Schleusen oder Pforten, die den Zugang zu bestimmten Gedächtnisspeichern öffnen oder auch schließen.
  • Affekte verbinden verschiedene Gedanken miteinander – und bestimmen welche Gedanken mit welchen verbunden werden
  • Affekte bestimmen die Hierarchie unserer Gedanken, entscheiden also darüber, was uns wichtiger ist als anderes
  • Und schließlich helfen Gefühle dabei, das Chaos unserer Gedanken zu ordnen.

Das heißt also, Gefühle bestimmen letztlich, welche Gedanke zu Denken wir Energie haben, mit was wir uns beschäftigen, an was wir uns erinnern, was uns dabei sonst noch einfällt, welche anderen Gedanken wir damit in Verbindung bringen und was uns wichtig ist.

Das bedeutet nicht, dass was wir wahrnehmen nur Hirngespinste sind, sondern, dass was wir (wie) wahrnehmen schlicht damit zusammenhängt, wie wir uns fühlen.

Der Philosoph und der Psychiater weisen also auf einen ähnlichen Sachverhalt hin: wie unsere Welt ist, hat viel mit uns selbst zu tun. Eine Tatsache, die wir, wenn jemand an einer Depression leidet, geneigt sind anzuerkennen. Wenn wir allerdings auf unsere Welt blicken, kommt uns ein solcher Gedanke absurd vor – dennoch muss gesagt werden, dass die Mechanismen, die in uns arbeiten, wohl bei einem gesunden wie auch bei einem an einer Depression erkrankten Menschen die gleichen sein dürften.

Wenn wir diese Gedanken ernstnehmen – welches Denken über die täglichen (schlechten) Nachrichten wird uns dann möglich? Leiden wir an einer kollektiven Angstsörung? Sind wir wieder, wie Martin Heidegger im Jahre 1927, verfallen in eine Grundstimmung der Angst?

Die Freiheit des Zweifels

Für meine KlientInnen ist oftmals die Vorstellung wichtig und hilfreich, dass es so etwas wie eine ‘Angststörung’ (oder eine andere psychische Erkrankung) gibt. Es kann dann gelingen, manche Gedanken als Machwerk dieser sogenannten ‘Angststörung’ zu erkennen. Das schafft Distanz – Distanz erstmal von jenen Gedanken die ansonsten dastehen wie eine absolute Realität. Man kann sich dann die Frage stellen, wie diese Angststörung so viel Gewicht bekommt, wie schafft sie es die – tatsächlich vorhandenen – Gefahren so zu übertreiben, dass ein normales Leben nicht mehr möglich scheint? Was sind die Tricks der Angststörung, dass sie uns nur mehr die Gefahr, und nicht mehr die Chancen sehen lassen? Und natürlich: welches Erleben ist möglich, wenn die Angstsörung gerade nicht ihre Macht ausübt?

Die Freiheit die mir die obige Sichtweise erlaubt ist so die folgende: Vielleicht ist da zuerst die (gesellschaftliche) Grundstimmung, die dann eine mediale Selektion erlaubt, die angstgesteuert ist und so wird medial ein Bild einer Welt entworfen, die am Abgrund steht. Die Sichtweise erlaubt die Freiheit des Zweifels, dass zwar nicht die Einzelfakten, aber doch das große ganze Bild verzerrt ist, die guten Nachrichten oft nicht bis zu uns durchkommen, die das Bild entzerren würden. Die Selektion jener Nachrichten wird bevorzugt, die unseren Stimmungen entspricht. Deswegen ist das Bild nicht (notwendig) falsch, doch aber unvollständig: Selektion ist immer nur Selektion und immer auch anders möglich.

Es ist mitunter auch der Zweifel, der meinen KlientInnen dabei hilft, die Angstspirale, Depressionspirale zu unterbrechen, auch der Depression, der Angst nicht so viel Glauben zu schenken, wie diese das gerne hätte. – Und ebenso scheint es mir angebracht, bei der – massenmedial vermittelten – Konstruktion unserer Welt, stets den Zweifel im Hintergrund mitlaufen zu lassen, dass auch die mediale Reproduktion der Welt von einer Logik der Emotionalität – und zwar vermutlich gegenwärtig von einer Logik der Angst – gesteuert wird.

Zum Abschluss ließe sich dazu schließlich noch ein Soziologe zitieren: Niklas Luhmann, der sich mit systemischen Reproduktion der Gesellschaft beschäftigt hat, meinte zum Thema:
„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien [...] Andererseits wissen wir so viel über die Massenmedien, dass wir diesen Quellen nicht trauen können“(Luhmann 2017, S. 9)

Es ist also möglich, Distanz zu schaffen zwischen uns und dem Wissen von der Welt, die am Abgrund steht, indem wir uns bewusst werden über die Konstruktionsweisen dieses Wissens. Ein entscheidender Punkt scheint mir hier die emotionale Konstruktion des Wissens, die sich auch einzelpsychischer wie auch auf massenmedialer Ebene abspielt.

Kurz gesagt: wir können wissen, dass was wir wissen, abhängig davon ist, wie wir dieses Wissen konstruieren – wir können wissen, dass wir niemals eine wirklich wahre Version des Gesamtzustandes unserer Welt wissen können sondern das wir uns immer in unterschiedlichen Wirklichkeiten bewegen, die u.A. emotional (und massenmedial) vermittelt und konstruiert sind.

Das mag auf den ersten Blick wenig tröstlich sein, erlaubt aber doch eine gewisse Freiheit, eine Freiheit, sich mit den Problemen der Welt zu beschäftigen, aber nicht an ihnen zu verzweifeln, sondern zu wissen, dass wir letztlich nicht wissen, was die Einzelkatastrophen für das große Ganze bedeuten, dass eine andere Slektion (von seiten der Massenmedien und von uns selbst) stets möglich ist und vor allem, dass was wir von der Welt erinnern werden, mit der Stimmung zu tun haben wird, in der wir uns erinnern.

Mag. Sebastian Brandl
Psychotherapeut – Systemische Familientherapie
www.psychotherapie-brandl.at

Literatur:

  • Heidegger, Martin: Sein und Zeit; de Gruyter, Tübingen 2006
  • Ciompi, Luc: Die emotionalen Grundlagen des Denkens; Vandenhoeck&Ruprecht, Göttingen 2016
  • Wittgenstein, Ludwig: Tractatus-logico-philosophicus; stw 501; Frankfurt am Main 1984
  • Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien; Springer VS, Wiesbaden 2017
balloon-814584_1920

Von Diagnosen, Luftschlössern und Sozialversicherungsanstalten

Chancen und Gefahren von psychiatrischen Diagnosen für die psychotherapeutische Arbeit

Was ist eigentlich eine psychische Erkrankung? Was ist eine Depression, eine Angststörung, eine Psychose? Als Psychotherapeut sollte ich darüber Auskunft geben können. Es ist natürlich ein leichtes, einfach Diagnosekriterien anzugeben, schwieriger vielleicht die Frage: Was nützen uns solche Diagnosen einer psychischen Krankheit überhaupt für die therapeutische Arbeit? Eine Teilrefundiereung  mit der Krankenkasse ist möglich ‘wenn eine krankheitswertige Störung vorliegt.’ Um mit der Krankenkasse abzurechnen ist es also notwendig, eine Diagnosen zu stellen, eine Krankheit festzustellen. Als Therapeut will ich aber natürlich keine Krankheiten fest-stellen, vielmehr dabei helfen, solche Verhärtungen aufzulösen.  Zum Umgang mit solchen Diagnosen gibt es demgemäß unter Psychotherapeuten einen breiten Diskurs, den ich hier natürlich nicht komplett abbilden kann, aber ich möchte im Folgenden ein paar Gedanken erörtern, die meinen Zugang zum Thema  beeinflussen.

Was also sind psychische Erkrankungen?

Zunächst ist zu sagen, dass  die Grundposition jener Therapiemethode, die ich praktiziere, der Konstruktivismus ist. Das ist, kurz gesagt, die Position, dass jene Welt in der wir leben, nicht einfach so ist wie wir sie wahrnehmen, sondern dass unsere Wahrnehmung von der Welt und der Dinge in ihr abhängig ist von biologischen, psychologischen und sozialen Voraussetzungen. Unsere Welt wird nicht wahrgenommen wie sie ist, sondern wir konstruieren uns unsere Welt ausgehend von bestimmten Voraussetzungen. Innerhalb dieses Konstruktivismus gibt es wiederum radikalere Positionen und weniger radikale Positionen, über die sich trefflich streiten lässt, für mein heutiges Thema scheint mir aber der folgende Ausgangspunkt entscheidend, auf den man sich, denke ich, auch leicht einigen kann:

Psychische Erkrankungen sind keine Dinge, sie existieren in einer anderen Art und Weiße, wie etwa ein Berg oder ein Mensch existiert. Wenn jemand sagt (oder gesagt bekommt) er ‘habe’ eine ‘Depression’, hat er eine Solche nicht in der gleichen Weiße, wie er eine beispielsweise Armbanduhr besitzt.

Psychische Erkrankungen sind vielmehr Beschreibungen und Zusammenfassungen (Kategorisierungen) von bestimmten Verhaltens-, Denk- oder Empfindungsweisen.
Diese Zustandsbeschreibungen verdichten sich dann (bzw. werden von uns verdichtet) zu einer bestimmten ‘psychischen Erkrankung’. Plötzlich fühlt sich jemand antriebslos, kann sich nicht konzentrieren, ist ständig müde, schläft schlecht und wir sagen, er hat eine Depression. Er hat es dann (sprachlich) mit einem Etwas zu tun, er hat etwas, nämlich eine Depression.

Viel detaillierter werden solche Diagnosen dann in den großen Handbüchern beschrieben – in Österreich wird vor allem der sogenannte ICD-10 verwendet, der von der WHO herausgegeben wird. Darin sind Diagnosen gesammelt und Kriterien angegeben, die erfüllt sein müssen, damit eine bestimmte Diagnose gegeben werden kann. (Unter welchen Voraussetzungen, unter Wahrung welcher Interessen, unter wessen Mitarbeit ein solches Werk zustande kommt, darauf kann ich hier nicht eingehen, auch nicht darauf, welche politischen Implikationen ein solches Werk hat ) Dieses Werk bestimmt allerdings sodann, welche Diagnosen wann als krankheitswertig gelten und damit auch, ob eine Zuschuss durch die Krankenkasse möglich ist.

Chancen und Gefahren für die therapeutische Arbeit.

Soweit, so gut – welche Chancen und Gefahren liegen nun in einer solchen Klassifizierung unserer Gedanken-Gefühls-Verhaltenswelt für die psychotherapeutische Arbeit?

Die größte Gefahr scheint mir darin zu liegen, bildhaft gesprochen, die Landkarte (Diagnose) mit der Landschaft (Person und ihre Themen) zu verwechseln. Anstatt sich auf den Menschen, der einem gegenüber sitzt, einzulassen, seine Lebenswelt versuchen zu verstehen und gemeinsam eine individuelle Lösung zu entwickeln, kann der Fehler gemacht werden, Diagnosen bzw. Krankheiten zu behandeln. Zu versuchen etwa, die Depression, die Angststörung, die Persönlichkeitstörung zu behandeln anstatt sich mit dem/der KlientIn auf den Prozess einzulassen, für sein/ihr Leben neue Perspektiven zu entwickeln. Das Problem hierin geht meiner Ansicht nach nochmal tiefer als die möglicherweise auch mitunter problematische Thematik von Symptombekämpfung versus Ursachenbekämpfung. Das Problematische ist, dass ich sozusagen versuche Luftschlösser abzureisen ohne mir bewusst zu sein, dass ich es mit Luftschlössern zu tun habe. Wenn ich mit einer Abrisskugel versuche, einem Luftschloss beizukommen, werde ich notwendig scheitern. Eine ‘psychische Erkrankung’ ‘ist’ ‘etwas’ völlig anderes als etwa eine bakterielle Infektion und kann auch nicht mittels der gleichen Logik verstanden und behandelt werden.

Nichts desto trotz ist es nunmal so, dass es Diagnosen gibt, und es gibt auch psychische Erkrankungen, nur gibt es sie eben anders, wie es andere Erkrankungen gibt – und das ist der entscheidende Punkt:

Konstruktivistisch kann gesagt werden, man kann gar nicht nicht diagnostizieren. Wir müssen, um uns in (unserer) Welt zu orientieren, Dinge (Luftschlösser) konstruieren. Das entscheidende ist aber, zu wissen, dass wir es mit Konstruktionen zu tun haben, zu wissen also, dass es etwa eine Angststörung anders gibt als eine bakterielle Infektion und ‘ihr’ damit auch mit einer anderen Logik zu begegnen ist. 

Es ist so auch eine Methode der systemischen Therapie, solche Luftschlösser aktiv zu konstruieren. Im Rahmen von sogenannten Externalisierungen kann etwa eine schlechte Stimmung, die einen immer wieder befällt oder auch eine psychische Erkrankung, externalisiert oder konstruiert werden zu einem Etwas, mit dem ich es zu tun habe.
Der Vorteil einer solchen Vorgehensweise liegt nun darin, dass der Klient nicht unbedingt sich selbst oder einen gewissen Zustand verändern muss, sondern sein Verhältnis gegenüber diesem Zustand, dieser Erkrankung verändern kann. Der Handlungsspielraum wird erweitert: Er kann lernen, wie er diese Erkrankung einlädt, und wie er sie auch wieder loswird oder in ihre Schranken weißt, er kann ihr auch einen Platz in seinem Leben geben, er kann erkennen, dass sie vielleicht auch gutes im Sinn hat, manchmal aber auch, dass er es mit etwas überaus Boshaften zu tun hat. Der/die KlientIn weiß natürlich, dass er/sie es hier nicht mit einem ‘Ding’ oder einer ‘Person’ im engeren Sinn zu tun hat, dennoch erlaubt ihm/ihr die Sichtweise ein anderes Handeln und sein Problem in einem neuen Licht zu sehen.

Wenn KlientInnen bereits mit einer Diagnose zu mir kommen, versuche ich zunächst herauszufinden, worum es eigentlich geht, auch welchen Stellenwert die Diagnose als Diagnose für die jeweilige Person spielt. Es gibt Menschen, die leiden unter einer Diagnose, glauben, da sie nun diesen Stempel haben, ihn nie wieder loswerden zu können. Diagnosen von Persönlichkeisstörungen halte ich in diesem Zusammenhang für besonders problematisch.
Für andere Menschen wiederum kann eine Diagnose erleichternd wirken, den Gefühlen die sie haben, einen Namen geben zu können auch zu wissen, dass sie mit dieser Problematik nicht allein auf der Welt sind.
Worum es eineR KlientIn aber wirklich geht, was (bzw. ob) er/sie in ihrem/seinenm Leben verändern möchte, wird aber dann in der Therapie mit dem/der KlientIn gemeinsam erarbeit. Eine zuvor gestellte Diagnose kann dazu bloß ein wenig Orientierung geben.

Aus rein praktischen Gründen bleibt es aber dennoch notwendig, in vielen Fällen für die Krankenkassen eine Diagnose zu stellen. Hier versuche ich mit dem/der KlientIn gemeinsam einen ‘Stempel’ auszusuchen, der inhaltlich passt und auch für die Klientin Sinn macht – wohlwissend, dass es sich dabei um ein ‘Luftschloss’ handelt.

Die Diagnose steht in diesem praktischen Sinne zwar am Anfang der Therapie, ist in gewisser Weiße die ‘Eintrittskarte’ zu Therapie und Kassenleistung, bestimmt aber keineswegs vorab den Inhalt und die Vorgehensweise innerhalb der jeweiligen Therapie. Diese werden mit dem/der jeweiligen KientIn je individuell in Interaktion mit dem Therapeuten erarbeitet und laufend an die aktuellen Gegebenheiten angepasst.

Mag. Sebastian Brandl
Psychotherapeut – Systemische Familientherapie
www.psychotherapie-brandl.at

Weiterführende Literatur:

Tom Levold/Hans Lieb/Uwe Britten: Für welche Probleme sind Diagnosen eigentlich eine Lösung; V&R, Wien  2017

Peter Fuchs: Die Verwaltung der vagen Dinge; Carl Auer, Heidelberg 2011