Schlagwort-Archiv: Diagnosen

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Von Diagnosen, Luftschlössern und Sozialversicherungsanstalten

Chancen und Gefahren von psychiatrischen Diagnosen für die psychotherapeutische Arbeit

Was ist eigentlich eine psychische Erkrankung? Was ist eine Depression, eine Angststörung, eine Psychose? Als Psychotherapeut sollte ich darüber Auskunft geben können. Es ist natürlich ein leichtes, einfach Diagnosekriterien anzugeben, schwieriger vielleicht die Frage: Was nützen uns solche Diagnosen einer psychischen Krankheit überhaupt für die therapeutische Arbeit? Eine Teilrefundiereung  mit der Krankenkasse ist möglich ‘wenn eine krankheitswertige Störung vorliegt.’ Um mit der Krankenkasse abzurechnen ist es also notwendig, eine Diagnosen zu stellen, eine Krankheit festzustellen. Als Therapeut will ich aber natürlich keine Krankheiten fest-stellen, vielmehr dabei helfen, solche Verhärtungen aufzulösen.  Zum Umgang mit solchen Diagnosen gibt es demgemäß unter Psychotherapeuten einen breiten Diskurs, den ich hier natürlich nicht komplett abbilden kann, aber ich möchte im Folgenden ein paar Gedanken erörtern, die meinen Zugang zum Thema  beeinflussen.

Was also sind psychische Erkrankungen?

Zunächst ist zu sagen, dass  die Grundposition jener Therapiemethode, die ich praktiziere, der Konstruktivismus ist. Das ist, kurz gesagt, die Position, dass jene Welt in der wir leben, nicht einfach so ist wie wir sie wahrnehmen, sondern dass unsere Wahrnehmung von der Welt und der Dinge in ihr abhängig ist von biologischen, psychologischen und sozialen Voraussetzungen. Unsere Welt wird nicht wahrgenommen wie sie ist, sondern wir konstruieren uns unsere Welt ausgehend von bestimmten Voraussetzungen. Innerhalb dieses Konstruktivismus gibt es wiederum radikalere Positionen und weniger radikale Positionen, über die sich trefflich streiten lässt, für mein heutiges Thema scheint mir aber der folgende Ausgangspunkt entscheidend, auf den man sich, denke ich, auch leicht einigen kann:

Psychische Erkrankungen sind keine Dinge, sie existieren in einer anderen Art und Weiße, wie etwa ein Berg oder ein Mensch existiert. Wenn jemand sagt (oder gesagt bekommt) er ‘habe’ eine ‘Depression’, hat er eine Solche nicht in der gleichen Weiße, wie er eine beispielsweise Armbanduhr besitzt.

Psychische Erkrankungen sind vielmehr Beschreibungen und Zusammenfassungen (Kategorisierungen) von bestimmten Verhaltens-, Denk- oder Empfindungsweisen.
Diese Zustandsbeschreibungen verdichten sich dann (bzw. werden von uns verdichtet) zu einer bestimmten ‘psychischen Erkrankung’. Plötzlich fühlt sich jemand antriebslos, kann sich nicht konzentrieren, ist ständig müde, schläft schlecht und wir sagen, er hat eine Depression. Er hat es dann (sprachlich) mit einem Etwas zu tun, er hat etwas, nämlich eine Depression.

Viel detaillierter werden solche Diagnosen dann in den großen Handbüchern beschrieben – in Österreich wird vor allem der sogenannte ICD-10 verwendet, der von der WHO herausgegeben wird. Darin sind Diagnosen gesammelt und Kriterien angegeben, die erfüllt sein müssen, damit eine bestimmte Diagnose gegeben werden kann. (Unter welchen Voraussetzungen, unter Wahrung welcher Interessen, unter wessen Mitarbeit ein solches Werk zustande kommt, darauf kann ich hier nicht eingehen, auch nicht darauf, welche politischen Implikationen ein solches Werk hat ) Dieses Werk bestimmt allerdings sodann, welche Diagnosen wann als krankheitswertig gelten und damit auch, ob eine Zuschuss durch die Krankenkasse möglich ist.

Chancen und Gefahren für die therapeutische Arbeit.

Soweit, so gut – welche Chancen und Gefahren liegen nun in einer solchen Klassifizierung unserer Gedanken-Gefühls-Verhaltenswelt für die psychotherapeutische Arbeit?

Die größte Gefahr scheint mir darin zu liegen, bildhaft gesprochen, die Landkarte (Diagnose) mit der Landschaft (Person und ihre Themen) zu verwechseln. Anstatt sich auf den Menschen, der einem gegenüber sitzt, einzulassen, seine Lebenswelt versuchen zu verstehen und gemeinsam eine individuelle Lösung zu entwickeln, kann der Fehler gemacht werden, Diagnosen bzw. Krankheiten zu behandeln. Zu versuchen etwa, die Depression, die Angststörung, die Persönlichkeitstörung zu behandeln anstatt sich mit dem/der KlientIn auf den Prozess einzulassen, für sein/ihr Leben neue Perspektiven zu entwickeln. Das Problem hierin geht meiner Ansicht nach nochmal tiefer als die möglicherweise auch mitunter problematische Thematik von Symptombekämpfung versus Ursachenbekämpfung. Das Problematische ist, dass ich sozusagen versuche Luftschlösser abzureisen ohne mir bewusst zu sein, dass ich es mit Luftschlössern zu tun habe. Wenn ich mit einer Abrisskugel versuche, einem Luftschloss beizukommen, werde ich notwendig scheitern. Eine ‘psychische Erkrankung’ ‘ist’ ‘etwas’ völlig anderes als etwa eine bakterielle Infektion und kann auch nicht mittels der gleichen Logik verstanden und behandelt werden.

Nichts desto trotz ist es nunmal so, dass es Diagnosen gibt, und es gibt auch psychische Erkrankungen, nur gibt es sie eben anders, wie es andere Erkrankungen gibt – und das ist der entscheidende Punkt:

Konstruktivistisch kann gesagt werden, man kann gar nicht nicht diagnostizieren. Wir müssen, um uns in (unserer) Welt zu orientieren, Dinge (Luftschlösser) konstruieren. Das entscheidende ist aber, zu wissen, dass wir es mit Konstruktionen zu tun haben, zu wissen also, dass es etwa eine Angststörung anders gibt als eine bakterielle Infektion und ‘ihr’ damit auch mit einer anderen Logik zu begegnen ist. 

Es ist so auch eine Methode der systemischen Therapie, solche Luftschlösser aktiv zu konstruieren. Im Rahmen von sogenannten Externalisierungen kann etwa eine schlechte Stimmung, die einen immer wieder befällt oder auch eine psychische Erkrankung, externalisiert oder konstruiert werden zu einem Etwas, mit dem ich es zu tun habe.
Der Vorteil einer solchen Vorgehensweise liegt nun darin, dass der Klient nicht unbedingt sich selbst oder einen gewissen Zustand verändern muss, sondern sein Verhältnis gegenüber diesem Zustand, dieser Erkrankung verändern kann. Der Handlungsspielraum wird erweitert: Er kann lernen, wie er diese Erkrankung einlädt, und wie er sie auch wieder loswird oder in ihre Schranken weißt, er kann ihr auch einen Platz in seinem Leben geben, er kann erkennen, dass sie vielleicht auch gutes im Sinn hat, manchmal aber auch, dass er es mit etwas überaus Boshaften zu tun hat. Der/die KlientIn weiß natürlich, dass er/sie es hier nicht mit einem ‘Ding’ oder einer ‘Person’ im engeren Sinn zu tun hat, dennoch erlaubt ihm/ihr die Sichtweise ein anderes Handeln und sein Problem in einem neuen Licht zu sehen.

Wenn KlientInnen bereits mit einer Diagnose zu mir kommen, versuche ich zunächst herauszufinden, worum es eigentlich geht, auch welchen Stellenwert die Diagnose als Diagnose für die jeweilige Person spielt. Es gibt Menschen, die leiden unter einer Diagnose, glauben, da sie nun diesen Stempel haben, ihn nie wieder loswerden zu können. Diagnosen von Persönlichkeisstörungen halte ich in diesem Zusammenhang für besonders problematisch.
Für andere Menschen wiederum kann eine Diagnose erleichternd wirken, den Gefühlen die sie haben, einen Namen geben zu können auch zu wissen, dass sie mit dieser Problematik nicht allein auf der Welt sind.
Worum es eineR KlientIn aber wirklich geht, was (bzw. ob) er/sie in ihrem/seinenm Leben verändern möchte, wird aber dann in der Therapie mit dem/der KlientIn gemeinsam erarbeit. Eine zuvor gestellte Diagnose kann dazu bloß ein wenig Orientierung geben.

Aus rein praktischen Gründen bleibt es aber dennoch notwendig, in vielen Fällen für die Krankenkassen eine Diagnose zu stellen. Hier versuche ich mit dem/der KlientIn gemeinsam einen ‘Stempel’ auszusuchen, der inhaltlich passt und auch für die Klientin Sinn macht – wohlwissend, dass es sich dabei um ein ‘Luftschloss’ handelt.

Die Diagnose steht in diesem praktischen Sinne zwar am Anfang der Therapie, ist in gewisser Weiße die ‘Eintrittskarte’ zu Therapie und Kassenleistung, bestimmt aber keineswegs vorab den Inhalt und die Vorgehensweise innerhalb der jeweiligen Therapie. Diese werden mit dem/der jeweiligen KientIn je individuell in Interaktion mit dem Therapeuten erarbeitet und laufend an die aktuellen Gegebenheiten angepasst.

Mag. Sebastian Brandl
Psychotherapeut – Systemische Familientherapie
www.psychotherapie-brandl.at

Weiterführende Literatur:

Tom Levold/Hans Lieb/Uwe Britten: Für welche Probleme sind Diagnosen eigentlich eine Lösung; V&R, Wien  2017

Peter Fuchs: Die Verwaltung der vagen Dinge; Carl Auer, Heidelberg 2011