Sturzprävention

„Pass auf und fall‘ net!“

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„…mir passiert das nicht!“- ist die oft gehörte Antwort von Personen/ Patienten, wenn man sie auf das Thema Sturzprävention anspricht.

Allein in Österreich wurden im Jahr 2013 etwa 139.000 Stürze von Menschen über 65 registriert- etwa 80% davon führten zu Verletzungen und Krankenhausaufenthalten. Doch Stürze sind nicht nur auf eine bestimmte Altersgruppe bezogen.

Stürze sind Ereignisse, die uns ein Leben lang begleiten. Kinder stürzen beim Erlernen des aufrechten Ganges und wenn sie in neue ungewohnte Situationen kommen, die nicht richtig eingeschätzt werden können. Erwachsene stürzen meist in Situationen, bei denen außen liegende Faktoren eine große Rolle spielen, bei Selbstüberforderung und beim Sport. Ältere Menschen stürzen mit zunehmendem Alter häufiger, dabei geht man davon aus, dass zwischen 30 und 40% aller Menschen über 65 mindestens einmal pro Jahr stürzen. Ein Sturz ist ein Ereignis, das zumeist unvermittelt und plötzlich auftritt und vielfache Folgen auf die Lebensqualität hat. Neben Verletzungen und deren Heilungsprozess muss auch die Angst vor weiteren Stürzen berücksichtigt werden. Durch diese Angst kommt es oft zu selbstgewählter Einschränkung, was sich wiederum negativ auf Kraft und Geschicklichkeit auswirkt. Im Mittelpunkt steht dabei der „Bewegungsschatz“ – die Summe aller in unserem Leben gemachter Bewegungserfahrungen. Der Bewegungsschatz kann nie zu groß werden, daher sollte man ihn lebenslang erweitern und nutzen.

 

1.      Risikofaktoren

Aufgrund der vielen unterschiedlichen potentiellen Situationen, in denen Stürze passieren können, muss man von hundert Risikofaktoren ausgehen. Die wichtigsten Risikofaktoren sind in Tabelle 1 angeführt.

Gut beeinflussbare Risikofaktoren Begrenzt beeinflussbare Risikofaktoren Nicht beeinflussbare Risikofaktoren
Sturzangst Schlechter Gesundheitszustand (Mangelernährung,…) Alter
Gangunsicherheit Multimedikation (mehr als 4 Medikamente) Geschlecht
Einschränkungen in Aktivitäten des täglichen Lebens Hilfsmittelgebrauch Kognitive Einschränkung
Eingeschränkte Muskelkraft Neurologische Erkrankungen (Mb. Parkinson, Mb. Alzheimer,…) Vorangegangene Stürze (in den letzten 12 Monaten)
Eingeschränkte Beweglichkeit Diabetes Vorangegangene Knochenbrüche
Eingeschränktes Gleichgewicht Probleme mit den Beinen/ Füßen (Schmerzzustände, Polyneuropathien) Vorrangegangener Insult
Sehbeeinträchtigungen Blutdruckabfall bei Lagewechsel
Gefahrenquellen der Umgebung im eigenen Haushalt (Beleuchtung, Stolperfallen,…) Gefahrenquellen der Umgebung auswärts (Untergrundbeschaffenheit, Personen, Verkehr,…)
Inaktivität aber auch übermäßig hoher Aktivitätsgrad Allein lebend

Tabelle 1: Sturzrisikofaktoren

Es ist wichtig nicht beeinflussbare Risikofaktoren zu kennen und sich daran anzupassen. Noch wichtiger ist es aber beeinflussbare Risikofaktoren zu erkennen und zu beseitigen. Denn je mehr Risikofaktoren vorhanden sind, umso größer ist das Risiko zu stürzen. Genauso aber gilt: Je weniger Risikofaktoren vorhanden sind, umso sicherer ist man vor Stürzen und Verletzungen!

Es ist wichtig zu betonen, dass ein Sturz kein Schicksal sein muss. Vielmehr ist es möglich und höchst effektiv einem solchen Ereignis vorzubeugen. Sturzprävention kann das Sturz- und Verletzungsrisiko deutlich reduzieren. Bei regelmäßigem Üben und weiteren gezielten Massnahmen kann das Sturzrisiko sogar halbiert werden.

 

2.      Was können Sie unmittelbar tun?

  • Reden Sie mit Ihrem Arzt über Ihre Medikamente
  • Sehstärke in regelmäßigen Abständen kontrollieren
  • Gezielt körperlich AKTIV bleiben
  • Möglichkeiten zur Wohnraumanpassung finden
  • Einsatz von Hilfsmitteln, die Ihnen den Alltag sicherer machen
  • Wenn möglich, Stresssituationen vermeiden

 

3.      Einschätzung des Sturzrisikos

Da das individuelle Risiko von vielen Faktoren abhängt, ist dieses nicht genau bestimmbar. Es ist aber durchaus möglich eine Schätzung über das Sturzrisiko durchzuführen.

In der Physiotherapie ist es daher zielführend mit einem Risikofragebogen und motorischen Tests zu beginnen. Die Motorischen Tests setzen sich aus einem Krafttest, Stand- Gleichgewichtstest und einem Bewegungs- Gleichgewichtstest zusammen.

 

4.      Trainings-/ Therapieaufbau

Nachdem im Physiocircle Paulapromenade, die Spiraldynamik das Leitkonzept ist, möchte ich Ihnen im folgenden Teil, für das Thema Sturzprävention ausgewählte Übungen näherbringen. Die Übungen werden spiraldynamisch demonstriert. Die Übungen werden in die Bereiche Gleichgewicht und Kraft aufgeteilt.

 

4.1  Bevor Sie beginnen, noch eine kurze Checkliste:

  • Der Übungsplatz: gute Beleuchtung, stabile Haltemöglichkeit (z.B.: ein stabiler Sessel und eine freigeräumte Ecke,  können Halt bei GGW- Verlust bieten), kein Teppich und anfangs ggf. NIE ALLEINE ÜBEN.
  • Die Übungsdauer: Gleichgewichtsübungen: täglich, Wiederholungsanzahl bzw. Pausenzeit entnehmen Sie bitte den einzelnen Übungen.  Kraftübungen: möglichst jeden zweiten Tag, Kraftübungen dürfen sich anstrengend anfühlen. Wiederholungsanzahl bzw. Pausenzeit entnehmen Sie bitte den einzelnen Übungen.
  • Üben Sie NICHT bei Muskelkater der letzten Trainingseinheit, wenn Sie sich unwohl, müde, krank oder schwach fühlen. (z.B.: zu hoher Blutdruck, Schwindel,…)
  • Brechen Sie eine Übungseinheit ab, wenn Ihnen unwohl wird.

 

4.2  Übungen für das Gleichgewicht

Das Gleichgewicht (GGW) ist die am besten trainierbare körperliche Fähigkeit bis ins höchste Alter. Die hohe Trainierbarkeit ruht daher, dass das GGW auf mehreren Faktoren beruht. Diese Faktoren sind:

  • Das Sehen
  • Der Vestibularapparat (= Gleichgewichtsorgan im Innenohr)
  • Die Tiefensensibilität
  • Die Oberflächensensibilität
  • Die Muskelkraft und Beweglichkeit

 

Übung 1

Übung 1

 

Übung 2

Übung 2

 

Übung 3

Übung 3

 

Übung 4

Übung 4

 

Übung 5

Übung 5

 

Übung 6

Übung 6

 

4.3  Übungen für die Kraft

Zur Bewältigung des Alltags ist ausreichend Muskelkraft erforderlich. Gemeinsam mit dem GGW tragen die Beine das Körpergewicht und ermöglichen eine sichere Fortbewegung. Regelmäßiges Krafttraining erleichtert die Bewältigung alltäglicher Situationen. Die Übungen sollten sich anstrengend anfühlen aber nicht überfordern.

 

Übung 1

Übung 1

 

Übung 2

Übung 2

 

Übung 3

Übung 3

 

Übung 4

Übung 4

 

Übung 5

Übung 5

 

Übung 6

Übung 6

 

Übung 7

Übung 7

 

Neben dem Gleichgewicht und der Kraft spielen noch die Selbsteinschätzung, Angst und das Selbstvertrauen eine bedeutende Rolle. Stürze haben nicht nur oftmals Verletzungen zur Folge, sie können sich auch ökonomisch wie emotional auf die betroffene Person aber auch das familiäre Umfeld auswirken.

Unsicheres Gleichgewicht, schwindende Kraft, Beweglichkeitsverschlechterung der Gelenke oder Probleme mit dem Sehvermögen sind nur einige erste Hinweise auf möglich folgende Sturzgeschehnisse. Bereits in diesem Stadium ist es wichtig den Mut zu haben, hinzuschauen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

 

Bei etwaigen Fragen, stehe ich gerne zur Verfügung.

Mit lieben Grüßen,

Barbara B. Steinwender-Liegl, PT

P.S.: „Pass auf und fall‘ net!“

 

Die Übungskarten sind im PHYSIOCIRCLE PAULAPROMENADE erhältlich.

 

Literaturangaben:

  • Jansenberger, H., 2011: Sturzprävention in Therapie und Training, Thieme Verlag, Stuttgart.
  • Jansenberger, H.,Mairhofer, J., 2012: Hausaufgaben für sturzgefährdete Patienten, Hofmann Verlag, Schorndorf.
  • Van den Berg, F., Wulf, D. (Hrsg.), 2008: Angewandte Physiologie 6- Alterungsprozesse und das Alter verstehen, Thieme Verlag, Stuttgart.
  • Karten aus Physiobox Heimprogramm: Mag. Elisabeth Mayr, PT- Physiocircle Paulapromenade

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