Alle Beiträge von Sebastian Brandl

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Eine kleine Anleitung zum Burnout

Eine psychische Erkrankung, die heute in aller Munde ist, ist das sogenannte Burnout-Syndrom. Wie der Name schon sagt, geht es dabei um das ‘Ausbrennen’. Es handelt sich dabei um eine Art Erschöpfungs-Depression die sich einstellt, wenn über kürzere oder längere Zeit die eigenen Grenzen nicht gewahrt werden und sich zu einem hohen Arbeitspensum noch schlechte Arbeitsbedingungen (wenig Anerkennung, Mobbing) oder private Belastungen hinzugesellen. Ein solches Burnout springt uns dabei nicht grundlos an, sondern es ist auch möglich, ein solches aktiv hervorzurufen.

In einem Buch des Psychotherapeuten Ortwin Meiss (vgl. Meiss 2016, S. 163f) habe ich dazu eine kurze Anleitung von Walter Brüggen gefunden, die ich im Rahmen dieses Blogs sinngemäß mit Ihnen teilen möchte. (Es erübrigt sich dazuzusagen, dass es ein erster Schritt in Richtung Burnout-Prävention wäre, die genannten Ratschläge NICHT zu befolgen)

 Eine kleine ANLEITUNG zum BURNOUT

Schritt 1: Eminent wichtig ist es zunächst, die Arbeit an die erste Stelle zu stellen. Andere Bereiche, die Selbstestätigung verschaffen könnten, sollten vermieden werden. Auch Hobbies die Spaß machen sollten tunlichst vermieden werden. Nur Arbeit sollte ein Gefühl von Selbstwert geben. Dabei ist es wichtig, besonders hart zu arbeiten. Nur harte Arbeit ist echte Arbeit, wer es sich gemütlich oder einfach macht, ist verachtenswert. Nur wer Abends völlig erschöpft und energielos ist, hat einen produktiven Tag hinter sich.

Schritt 2: Unbezahlte Überstunden sind Pflicht – je mehr, desto besser. Als Selbstständiger sollte man sich, so man gerade Urlaub macht, stets vor Augen halten, wie hoch der Verdienstentgang gerade ist und im besten Fall auf Urlaub ganz verzichten.

Schritt 3: Es ist grundsätzlich so, dass immer mehr geht. Was Sie geschafft haben, sollte Ihnen keinesfalls Befriedigung verschaffen, da es immer ein wenig besser sein könnte. Sollte etwas nicht funktionieren, ist es wichtig niemals aufzugeben sondern einfach die hineingesteckte Energie zu erhöhen.

Schritt 4: Kontakte mit dem Freundeskreis sind Feinde des Burnouts. Es soll also versucht werden, diese Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren und wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, jemanden zu treffen, ist es sinnvoll, nur über berufliche Themen zu sprechen. Am besten ist es aber, alleine zu Hause zu sein, denn hier hat man Zeit, sich an den Schreibtisch zu setzten.

Schritt 5: Ständige Erreichbarkeit ist Pflicht – E-Mails sollten ständig via Smartphone abgerufen und auch immer sofort beantwortet werden, auch im Urlaub, an den Wochenenden, ja am besten auch in der Nacht. Es ist auch gut, immer ein wenig Arbeit dabei zu haben, sodass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit fließend werden.

Schritt 6: Es ist sinnvoll auf Beförderungen hinzuarbeiten, noch mehr, wenn wahrscheinlich ist, dass diese Beförderung nicht kommen wird. Ein Chef der einen hinhält kann dabei hilfreich sein. Sollte die Beförderung doch erreichbar sein, wäre es gut, wenn danach die Menge an Arbeit höher würde und Sie inhaltlich überfordert. – Dabei wäre es aber wiederum wichtig, sich dies nicht einzugestehen sondern sich ein schlechtes Gewissen bezüglich der eigenenen Unfähigkeit zu machen und sich als Person damit abzuwerten.

Schritt 7: Delegieren ist Blödsinn – nur was man selbst mach, wird gut und schnell erledigt.

Schritt 8: Nur wer schnell arbeitet, arbeitet gut. Pausen sollten vermieden werden, sie verlangsamen den Arbeitsprozess. Es ist wichtig, der Schnellste zu sein.

Schritt 9: Die Arbeit sollte so intensiv sein, dass Signale des Körpers nicht gehört werden. Sollten sie doch so laut werden, dass sie unüberhörbar werden (Ängste, Panikattacken, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Schlafstörungen, Herzklopfen …) ist es sinnvoll, zu Alkohol, Medikamenten oder Drogen zu greifen, um sich so schnell wie möglich wieder arbeitsfähig zu machen. Auch hier sollte man sich keinesfalls eine Pause gönnen.

Schritt 10: Wenn die Symptome so stark werden, dass nichts mehr geht, darf dieses keinesfalls als Rückmeldung des Organismus verstanden werden, dass am Lebensstil etwas geändert werden sollte, da das Leben, dass Sie geführt haben, Ihrer Gesundheit geschadet hat. Vielmehr sollten Sie sich die Frage stellen, warum gerade jetzt nichts mehr geht, wo es doch immer gegangen ist.

Schritt 11: Wenn es dann nicht mehr geht, handelt es sich um persönliches Versagen. Urlaub oder Ruhe sollten Sie sich auch jetzt nicht gönnen, denn nur wer wirklich leistungsfähig ist, hat Urlaub, Freizeit und Ruhe verdient.

Schritt 12: Es ist sinnvoll sich ein Arbeitsumfeld zu suchen, in dem Belohnungen oder positive Rückmeldungen für Arbeit unwahrscheinlich sind. Sinnvoll ist es auch, ständig darauf zu hoffen und wenn sie ausbleiben, dies auf sich selbst zu beziehen und gegebenenfalles die eigenen Anstrengungen noch zu erhöhen.

Von außen betrachtet sieht es natürlich leicht aus, die genannten Schritte nicht zu befolgen, wer aber in einer solchen schädlichen Spirale steckt, sieht oft nicht, wie die eigenen Grenzen von ihm/ihr selbst und der Umwelt überschritten werden. Das Gespräch mit einem Therapeuten kann dabei in jeder Phase des Prozesses helfen, eine solche Situation auch frühzeitig zu erkennen und Strategien zu entwickeln, etwas zu verändern, dafür zu sorgen, ein Leben zu leben welches nicht einem Arbeitsprozess untergeordnet wird.

Mag. Sebastian Brandl
Psychotherapeut – Systemische  Familientherapie
www.psychotherapie-brandl.at

Literatur:
Ortwin Meiss: Hypnosystemische Therapie bei Depression und Burnout; Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 2016

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Von Diagnosen, Luftschlössern und Sozialversicherungsanstalten

Chancen und Gefahren von psychiatrischen Diagnosen für die psychotherapeutische Arbeit

Was ist eigentlich eine psychische Erkrankung? Was ist eine Depression, eine Angststörung, eine Psychose? Als Psychotherapeut sollte ich darüber Auskunft geben können. Es ist natürlich ein leichtes, einfach Diagnosekriterien anzugeben, schwieriger vielleicht die Frage: Was nützen uns solche Diagnosen einer psychischen Krankheit überhaupt für die therapeutische Arbeit? Eine Teilrefundiereung  mit der Krankenkasse ist möglich ‘wenn eine krankheitswertige Störung vorliegt.’ Um mit der Krankenkasse abzurechnen ist es also notwendig, eine Diagnosen zu stellen, eine Krankheit festzustellen. Als Therapeut will ich aber natürlich keine Krankheiten fest-stellen, vielmehr dabei helfen, solche Verhärtungen aufzulösen.  Zum Umgang mit solchen Diagnosen gibt es demgemäß unter Psychotherapeuten einen breiten Diskurs, den ich hier natürlich nicht komplett abbilden kann, aber ich möchte im Folgenden ein paar Gedanken erörtern, die meinen Zugang zum Thema  beeinflussen.

Was also sind psychische Erkrankungen?

Zunächst ist zu sagen, dass  die Grundposition jener Therapiemethode, die ich praktiziere, der Konstruktivismus ist. Das ist, kurz gesagt, die Position, dass jene Welt in der wir leben, nicht einfach so ist wie wir sie wahrnehmen, sondern dass unsere Wahrnehmung von der Welt und der Dinge in ihr abhängig ist von biologischen, psychologischen und sozialen Voraussetzungen. Unsere Welt wird nicht wahrgenommen wie sie ist, sondern wir konstruieren uns unsere Welt ausgehend von bestimmten Voraussetzungen. Innerhalb dieses Konstruktivismus gibt es wiederum radikalere Positionen und weniger radikale Positionen, über die sich trefflich streiten lässt, für mein heutiges Thema scheint mir aber der folgende Ausgangspunkt entscheidend, auf den man sich, denke ich, auch leicht einigen kann:

Psychische Erkrankungen sind keine Dinge, sie existieren in einer anderen Art und Weiße, wie etwa ein Berg oder ein Mensch existiert. Wenn jemand sagt (oder gesagt bekommt) er ‘habe’ eine ‘Depression’, hat er eine Solche nicht in der gleichen Weiße, wie er eine beispielsweise Armbanduhr besitzt.

Psychische Erkrankungen sind vielmehr Beschreibungen und Zusammenfassungen (Kategorisierungen) von bestimmten Verhaltens-, Denk- oder Empfindungsweisen.
Diese Zustandsbeschreibungen verdichten sich dann (bzw. werden von uns verdichtet) zu einer bestimmten ‘psychischen Erkrankung’. Plötzlich fühlt sich jemand antriebslos, kann sich nicht konzentrieren, ist ständig müde, schläft schlecht und wir sagen, er hat eine Depression. Er hat es dann (sprachlich) mit einem Etwas zu tun, er hat etwas, nämlich eine Depression.

Viel detaillierter werden solche Diagnosen dann in den großen Handbüchern beschrieben – in Österreich wird vor allem der sogenannte ICD-10 verwendet, der von der WHO herausgegeben wird. Darin sind Diagnosen gesammelt und Kriterien angegeben, die erfüllt sein müssen, damit eine bestimmte Diagnose gegeben werden kann. (Unter welchen Voraussetzungen, unter Wahrung welcher Interessen, unter wessen Mitarbeit ein solches Werk zustande kommt, darauf kann ich hier nicht eingehen, auch nicht darauf, welche politischen Implikationen ein solches Werk hat ) Dieses Werk bestimmt allerdings sodann, welche Diagnosen wann als krankheitswertig gelten und damit auch, ob eine Zuschuss durch die Krankenkasse möglich ist.

Chancen und Gefahren für die therapeutische Arbeit.

Soweit, so gut – welche Chancen und Gefahren liegen nun in einer solchen Klassifizierung unserer Gedanken-Gefühls-Verhaltenswelt für die psychotherapeutische Arbeit?

Die größte Gefahr scheint mir darin zu liegen, bildhaft gesprochen, die Landkarte (Diagnose) mit der Landschaft (Person und ihre Themen) zu verwechseln. Anstatt sich auf den Menschen, der einem gegenüber sitzt, einzulassen, seine Lebenswelt versuchen zu verstehen und gemeinsam eine individuelle Lösung zu entwickeln, kann der Fehler gemacht werden, Diagnosen bzw. Krankheiten zu behandeln. Zu versuchen etwa, die Depression, die Angststörung, die Persönlichkeitstörung zu behandeln anstatt sich mit dem/der KlientIn auf den Prozess einzulassen, für sein/ihr Leben neue Perspektiven zu entwickeln. Das Problem hierin geht meiner Ansicht nach nochmal tiefer als die möglicherweise auch mitunter problematische Thematik von Symptombekämpfung versus Ursachenbekämpfung. Das Problematische ist, dass ich sozusagen versuche Luftschlösser abzureisen ohne mir bewusst zu sein, dass ich es mit Luftschlössern zu tun habe. Wenn ich mit einer Abrisskugel versuche, einem Luftschloss beizukommen, werde ich notwendig scheitern. Eine ‘psychische Erkrankung’ ‘ist’ ‘etwas’ völlig anderes als etwa eine bakterielle Infektion und kann auch nicht mittels der gleichen Logik verstanden und behandelt werden.

Nichts desto trotz ist es nunmal so, dass es Diagnosen gibt, und es gibt auch psychische Erkrankungen, nur gibt es sie eben anders, wie es andere Erkrankungen gibt – und das ist der entscheidende Punkt:

Konstruktivistisch kann gesagt werden, man kann gar nicht nicht diagnostizieren. Wir müssen, um uns in (unserer) Welt zu orientieren, Dinge (Luftschlösser) konstruieren. Das entscheidende ist aber, zu wissen, dass wir es mit Konstruktionen zu tun haben, zu wissen also, dass es etwa eine Angststörung anders gibt als eine bakterielle Infektion und ‘ihr’ damit auch mit einer anderen Logik zu begegnen ist. 

Es ist so auch eine Methode der systemischen Therapie, solche Luftschlösser aktiv zu konstruieren. Im Rahmen von sogenannten Externalisierungen kann etwa eine schlechte Stimmung, die einen immer wieder befällt oder auch eine psychische Erkrankung, externalisiert oder konstruiert werden zu einem Etwas, mit dem ich es zu tun habe.
Der Vorteil einer solchen Vorgehensweise liegt nun darin, dass der Klient nicht unbedingt sich selbst oder einen gewissen Zustand verändern muss, sondern sein Verhältnis gegenüber diesem Zustand, dieser Erkrankung verändern kann. Der Handlungsspielraum wird erweitert: Er kann lernen, wie er diese Erkrankung einlädt, und wie er sie auch wieder loswird oder in ihre Schranken weißt, er kann ihr auch einen Platz in seinem Leben geben, er kann erkennen, dass sie vielleicht auch gutes im Sinn hat, manchmal aber auch, dass er es mit etwas überaus Boshaften zu tun hat. Der/die KlientIn weiß natürlich, dass er/sie es hier nicht mit einem ‘Ding’ oder einer ‘Person’ im engeren Sinn zu tun hat, dennoch erlaubt ihm/ihr die Sichtweise ein anderes Handeln und sein Problem in einem neuen Licht zu sehen.

Wenn KlientInnen bereits mit einer Diagnose zu mir kommen, versuche ich zunächst herauszufinden, worum es eigentlich geht, auch welchen Stellenwert die Diagnose als Diagnose für die jeweilige Person spielt. Es gibt Menschen, die leiden unter einer Diagnose, glauben, da sie nun diesen Stempel haben, ihn nie wieder loswerden zu können. Diagnosen von Persönlichkeisstörungen halte ich in diesem Zusammenhang für besonders problematisch.
Für andere Menschen wiederum kann eine Diagnose erleichternd wirken, den Gefühlen die sie haben, einen Namen geben zu können auch zu wissen, dass sie mit dieser Problematik nicht allein auf der Welt sind.
Worum es eineR KlientIn aber wirklich geht, was (bzw. ob) er/sie in ihrem/seinenm Leben verändern möchte, wird aber dann in der Therapie mit dem/der KlientIn gemeinsam erarbeit. Eine zuvor gestellte Diagnose kann dazu bloß ein wenig Orientierung geben.

Aus rein praktischen Gründen bleibt es aber dennoch notwendig, in vielen Fällen für die Krankenkassen eine Diagnose zu stellen. Hier versuche ich mit dem/der KlientIn gemeinsam einen ‘Stempel’ auszusuchen, der inhaltlich passt und auch für die Klientin Sinn macht – wohlwissend, dass es sich dabei um ein ‘Luftschloss’ handelt.

Die Diagnose steht in diesem praktischen Sinne zwar am Anfang der Therapie, ist in gewisser Weiße die ‘Eintrittskarte’ zu Therapie und Kassenleistung, bestimmt aber keineswegs vorab den Inhalt und die Vorgehensweise innerhalb der jeweiligen Therapie. Diese werden mit dem/der jeweiligen KientIn je individuell in Interaktion mit dem Therapeuten erarbeitet und laufend an die aktuellen Gegebenheiten angepasst.

Mag. Sebastian Brandl
Psychotherapeut – Systemische Familientherapie
www.psychotherapie-brandl.at

Weiterführende Literatur:

Tom Levold/Hans Lieb/Uwe Britten: Für welche Probleme sind Diagnosen eigentlich eine Lösung; V&R, Wien  2017

Peter Fuchs: Die Verwaltung der vagen Dinge; Carl Auer, Heidelberg 2011 

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Sex, Sisyphos und der Blick auf unsere Ressourcen

Kürzlich hat Katharina Hinsch, eine systemische Psychotherapeutin und Sexualtherapeutin aus Wien, einen interessanten Artikel veröffentlicht. Sie stellt darin ihr Modell von verschiedenen Facetten der Sexualität vor und wie sie in der therapeutischen Praxis damit arbeitet.

Dieser Artikel nehme ich zum Anlass, mich nun erstmals in unserem Blog zu Wort zu melden. Bei unserem Kamingespräch mit Roberta Rio konnte ich sehen, dass es anscheinend reges Interesse am Thema Sexualität gibt. Das Modell der Facetten eignet sich gut zur Selbstreflexion und die Arbeit damit ist darüber hinaus auch Beispiel dafür, wie ressourcenorientierte Paar- bzw. Psychotherapie aussehen kann. Viele Menschen haben ein bestimmtes Bild von Psychotherapie im Kopf, dass zumindest nicht meiner Praxis entspricht und so möchte ich diesen Blog auch dazu nützen, etwas über einen Aspekt meines Zugangs, eben den Aspekt der Ressourcenorientierung, zu Psychotherapie zu sagen.

Zunächst werde ich also das Modell der Facetten der Sexualität von Katharina Hinsch beschreiben, um in einem zweiten Teil in aller Kürze die therapeutische Haltung der Ressourcenorientierung etwas näher zu erläutern.

Facetten der Sexualität

Katharina Hinsch hat das Modell zunächst für ihren Unterricht als grobes Raster für sexuelle Motive entwickelt. Schnell wurde ihr aber deutlich, dass es sich in hohem Maße für die therapeutische Arbeit eignet. Paare kamen oft mit sexuellen Problemen zu ihr und es hat sich gezeigt, dass sich die Facetten dazu eignen, opak scheinende Probleme aufzudröseln und den Paaren ein neues Sprechen über ihre Bedürfnisse und Wünsche zu ermöglichen. Es ist gerade oft auch bei sexuellen Themen schwierig, miteinander zu sprechen ohne unerwünschte Gefühle wie Scham, Schuld, Vorwürfe oder ähnliches zu entwickeln. Die Facetten helfen hier dabei zu sehen, dass es viele unterschiedliche Motive für Sexualität gibt, die alle ihre Berechtigung haben. Paaren fällt es oft anhand eines Modelles leichter über ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen wenn von vornherein eine Atmosphäre geschaffen wird, in der klar ist, dass jedes Bedürfnis auch sein darf.

Bevor ich zu den Facetten im Detail komme möchte ich noch darauf hinweisen, dass es dabei nicht darum geht, trennscharfe Kategorien zu entwickeln, sondern darum, Begriffe anzubieten, die aufgegriffen werden können, um es leichter zu machen, frei über seine eigene Sexualität nachzudenken und zu erzählen. Jede Facette betont „einen Aspekt eines sexuellen Wunsches oder einer Sexuellen Handlung“ (Hinsch; S.184) – was aber natürlich auch nicht heißt, dass es nur diesen Aspekt gibt, sondern vermutlich wird jede sexuelle Handlung oder Wunsch durch verschiedene Facetten mit motiviert.

Die Beziehungsfacette
Sexualität findet oft im Rahmen einer Paarbeziehung statt. In diesem Rahmen hat Sexualität oft einen beziehungsgestaltenden Aspekt. Es wird etwa häufig beschrieben, dass es einen gewissen Zusammenhang etwa zwischen Dauer der Paarbeziehung und Ausmaß der Sexualität gibt (z.B. nach einer Gewissen Zeit der Partnerschaft nimmt die Häufigkeit ab) oder die Sexualität wird als Gradmesser für die Güte der Beziehung hergenommen (Katharina Hinsch zitiert hierzu eine Studie, aus der hervorgeht, dass in unseren Breiten dafür 1 – 1,5 mal Sex pro Woche durchschnittlich als ausreichend erlebt wird). Andere Motive, die Katharina Hinsch nennt, die in diese Facette fallen sind „Sex aus Gefälligkeit, aus Gewohnheit, Sex in der Hoffnung auf eine Beziehung, Sex in der Hoffnung auf eine bessere Beziehung, um den anderen stärker an sich zu binden, um beim anderen eigene Versprechungen einzulösen, um Naturrechte geltend zu machen, Verlustangst, Beschwichtigung des Partners bzw. der eigenen Angst, ihn oder sie zu verlieren, Mitmachen zur Erhaltung der Harmonie oder um einem/r depressiven PartnerIn zu helfen sich zu bestätigen usw.“ (Hinsch; S. 187). Wenn für jemanden Sex und Partnerschaft eng verknüpft sind, wird vermutlich diese Beziehungsfacette in seiner Sexualität eine wichtige Rolle spielen.

Die emotionale Facette
Katharina Hinsch beschreibt, dass viele Gesprächspartner diese Facette für die einzig richtig Facette halten, um sexuelles Begehren zu entwickeln. Es geht im Rahmen dieser Facette oft darum, mit Sex Nähe zu erzeugen oder auszudrücken. Hier kann es natürlich auch innerhalb der Facette zu Unstimmigkeiten kommen, der eine möchte seine Wünsche nach Nähe durch Sex erfüllen, der Andere benötigt wiederum zuvor bereits eine Atmosphäre der Nähe, um sexuelle Wünsche zu entwickeln. Andere Beweggründe wie romantische Sehnsüchte, Verschmelzungsphantasien, Liebesbezeugungen, Sex wegen Kinderwunsch, Sex um Geborgenheit und Wärme zu spüren gehören in diese Facette.

Die Bestätigungsfacette
Ein weitere Aspekt, weswegen Menschen ihre Lust aufsuchen ist jener, dass sie dadurch irgendeine Art von Bestätigung erlangen. Dabei kann es darum gehen, sich besonders männlich oder weiblich zu fühlen, sich begehrenswert, fit, attraktiv, potent, schön, liebenswert, jung zu fühlen oder auch sich bestätigen zu lassen, einE guteR LiebhaberIn zu sein. Oft spielt dieser Aspekt zu Beginn einer Beziehung oder Affäre eine besonders wichtige Rolle, aber auch in langjährigen Beziehungen kann es ein wichtiger Beweggrund sein, sich als begehrenswert empfinden zu wollen.

Die Vitalitätsfacette
Hier geht es vor allem um die körperlich empfundene Lust. Das Erleben, dass ‘der Körper’ es wieder einmal braucht, der Wunsch nach Entladung, zyklusabhängige sexuelle Lust, ‘Geilheit’, Trieberleben, einfach, sich körperlich lebendig zu fühlen.

Die Abenteuerfacette
Bei dieser Facette wird Lust aufgesucht als Maximierung der Erregen, als ein Spiel mit Grenzen. Es geht um die Suche nach Neuem, nach ‘Thrill’, nach Abenteuer um Forscherdrang. Diese Facette findet Ausdruck in Rollenspielen, neuen Szenarien, Sexspielzeugen oder auch Affären und wechselnden Sexualpartnern.

Die spirituelle Facette
Darum geht es, wenn Sexualität in Verbindung mit mit Begriffen Transzendenz, Seligkeit, kosmischer Extase oder Ähnlichem geht. Wer von Ihnen bei unserem Kamingespräch von Roberta Rio war, hat davon einiges gehört. In früheren Zeiten war es üblich, Sexualität als lebenserneuernde Kraft zu feiern die auch einen Zugang zu so etwas wie einer Körpergebunden Spiritualität geben kann. Wenn Lust aus diesem Grund aufgesucht wird, spricht Katharina Hinsch von der spirituellen Facette von Sexualität.

Die Idee ist nun die: Wir suchen unsere Lust immer aus irgendwelchen Gründen auf. Die beschriebenen Facetten sind eine Auflistung verschiedener Motive, die Menschen dazu bringt, ihre Lust aufzusuchen. In Partnerschaften kann es zum Problem werden, wenn bei einem Partner die eine Facette überwiegt, beim anderen eine Andere und die beiden Partner womöglich die jeweils eigenen Motive als einzig Richtige verstehen. Beispielsweise ist denkbar, dass die Partnerin sexuelles Begehren als Folge eines Kinderwunsches besonders stark empfindet. Der Mann, bei dem beispielsweise die Vitalitätsfacette (z.B. der Wunsch nach Entladung) überwiegt könnte sich an einem bestimmten Punkt der Beziehung benutzt oder hineingelegt fühlen, wenn nach Erfüllung des Kinderwunsch das sexuelle Verlangen der Frau abnimmt. In der Erlebniswelt der Frau stimmt das aber so nicht, genauso wie sie in Verbindung mit ihrem Kinderwunsch begierig nach Sex ist, ist er in Verbindung mit seinem Wunsch nach Entladung begierig nach Sex.

Jede der Facetten kann einen wertvollen und schönen Zugang zur Sexualität in sich bergen und diese positiven Ressourcen in den eigenen Wünschen zu erkennen und dem Partner auch mitzuteilen und verständlich zumachen, dabei kann ein Paartherapeut hilfreich sein. Gerade Anforderungen des Partners, bestimmte Glaubenssätze o.ä. können den Weg zur eigenen Lust verstellen. Sehen zu lernen, dass die eigenen und die fremden Motive gut und richtig sind und dann Wege zu finden, wie womöglich gerade diese unterschiedlichen Aspekte den Weg zu einer erfüllenden gemeinsamen Sexualität ebnen, genau das wäre ein Beispiel für ressourcenorientierte Paartherapie wie ich sie verstehe.

Ressourcenorientierte Psychotherapie und der Mythos des Sisyphos

Oft kommen KlientInnen mit der Vorstellung in Psychotherapie, es wäre hier der Ort in der Vergangenheit zu bohren, sogenannte ‘Leichen im Keller’ aufzuspüren, die pathologischen Seiten der eigenen Persönlichkeit zu erkennen, sich damit zu konfrontieren, etwas ‘aufzuarbeiten’ sodass sich dann die Probleme, die ursprünglich in die Therapie geführt haben, wie von alleine lösen. Auch das kann natürlich der Weg einer Psychotherapie sein. In vielen Fällen geht es aber um etwas anderes.

Es geht oft in erster Linie darum, sich selbst, seine Wünsche, Möglichkeiten und Bedürfnisse besser kennen zu lernen. Wie das obige Beispiel der Facetten gezeigt hat geht es darum zu sehen, die eigenen Wünsche und die Motive für diese gut kennen zu lernen, zu sehen, dass vermutlich jeder Wunsch einen ‘gesunden’ Kern hat. Genau diese gesunden Kern gilt es aufzuspüren, zu sehen, dass das ungeliebte ‘Symptom’ oder Problem letztlich Ausdruck eines gesunden Bedürfnisses ist. Es geht gerade nicht darum ‘Pathologien’ aufzuspüren, sondern zu sehen, dass was als Pathologie bezeichnet wird, Ausdruck einer (womöglich nicht ganz optimalen) Lösung ist, die es vielleicht zu optimieren gilt.

Ein schönes Beispiel für eine solche Ressourcenorientierte Sichtweise liefert der Philosoph Albert Camus in seiner Interpretation des ‘Mythos des Sisyphos’. Der antike Held Sisyphos, wird von den Göttern in der Unterwelt dazu verurteilt, einen Felsbrocken immer wieder auf den Gipfel eines Berges zu rollen. In dem Moment indem der Felsen am Gipfel ankommt, rollt dieser wieder hinunter und Sisyphos muss von Vorne beginnen. So bis in alle Ewigkeit. Das mag auf den ersten Blick frustrieren. Camus aber beschreibt die Lage dieses tragischen Helden so:

„Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Jeder Gran dieses Steins, jedes mineralische Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“(Camus, S. 160)

Was auf dem ersten Blick nur wie ein fader Felsbrock wirkt (das Problem), erkennt Sisyphos in seinen vielen Möglichkeiten. Er registriert jedes Aufblitzen, er erkennt jedes Detail als eine Welt für sich, als Schönheit. Was zuvor opakes Problem war, wird in seiner Vielfältigkeit erkannt.

Im Kampf gegen Gipfel, die das Menschenherz ausfüllen wird auch noch etwas spielerisches angesprochen: Etwas spielerisches im Umgang mit den eigenen Problemen. Wenn der Fels nicht mehr fader Fels ist, sonder eine Welt für sich mit mannigfaltigen Möglichkeiten, unterschiedlichsten Aspekten, Facetten, wird das Rollen auf den Gipfel nicht mehr fader, anstrengender Kampf mit dem Problem sondern jeder kleiner Schritt wird bereichernd, es bereitet Vergnügen, sich mit dem ‘Problem’ zu befassen, weil es so viele Seiten bietet, die interessant sind, verschiedenste Möglichkeiten in sich bergen und auch schön sein können.
Wenn das Universum keinen Herrn mehr kennt, muss der Stein nicht mehr Strafe sein sondern kann auch Ort der höchsten Erfüllung sein.

Dies sind bewegende Momente in Therapien, wenn die Stimmung umspringt, wenn KlientInnen eine gewisse Freude entwickeln, sich mit ihren Themen auseinanderzusetzen, wenn sie Seiten von sich, die sie zuvor bloß kritisch gesehen haben plötzlich auch in ihren Möglichkeiten wahrnehmen, ihre Wünsche anerkennen und ihnen eine Platz geben, der ihnen als passend erscheint. Den Raum zu schaffen für solche Veränderungen, welches spezielle Thema es auch betrifft, das sehe ich als eine Hauptaufgabe meiner Tätigkeit als ressourcenorientierter Psychotherapeut.

Mag. Sebastian Brandl
Psychotherapeut in Ausbildung unter Supervision
www.psychotherapie-brandl.at

 

Literatur:

Katharina Hinsch, ‘Das Facettenmodell der Sexualität’; erschienen in: Systeme – Interdisziplinäre Zeitschrift für systemtheoretisch orientierte Forschung und Praxis in den Humanwissenschaften; Jg. 30, 2/16; S. 167 – 203; ÖAS Eigenverlag, Wien 2016

Albert Camus, ‘Der Mythos des Sisyphos’; Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2003